© DIE ZEIT, 03.08.2006
"Nasrallah verliert" Hisbollahs Niederlage ist gewiss, aber keine Garantie für Israels Sieg, meint der amerikanische Islamexperte Fouad Ajami
DIE ZEIT: Wer gewinnt diesen Krieg?
Fouad Ajami: Fragen wir lieber, wer ihn nicht gewinnen kann. Hisbollah hat ihn eigentlich schon verloren.
ZEIT: Oh, ja?
Ajami: Nasrallah wollte den Nasser spielen, wie der ägyptische Präsident vor dem Sechstagekrieg 1967. Nasser wollte den Krieg gegen Israel gewinnen, ohne ihn tatsächlich führen zu müssen. Das war ein schrecklicher Fehler, und Nasrallah gibt zu, dass er diese wütende Reaktion der Israelis nicht erwartet hätte.
ZEIT: Andere Verlierer?
Ajami: Ich weiß nicht, ob Israel diese Partie gewinnen wird. Andererseits: Angesichts der massiven Aufrüstung von Hisbollah seit dem israelischen Abzug 2000 musste Israel irgendwann zuschlagen, bevor sie zu stark wurde.
ZEIT: Israel gewinnt auch nicht?
Ajami: Sagen wir ’s so: Wenn Israel wieder eine Sicherheitszone im Südlibanon besetzt, wäre das die Rettung für Hisbollah, weil ihr so wieder der Mythos des nationalen Widerstands zufiele. Dann riskieren die Israelis einen mörderischen Guerillakrieg wie 1982 bis 2000.
ZEIT: Wie sähe »Gewinnen« für Israel aus?
Ajami: Wenn seine Armee in den nächsten zwei, drei Wochen den größten Teil des Hisbollah-Arsenals zerstört.
ZEIT: Dann hätte Hisbollah fehlkalkuliert.
Ajami: Nasrallah hatte sich sträflich geirrt, als er wähnte, in Israel sei die Zeit der »Kriegerklasse« vorbei. Weil Peretz (Außenminister) und Olmert (Premier) Zivilisten sind, sei Israel einfacher einzuschüchtern. Haben die auch falsch kalkuliert? Wenn man unterstellt, dass dieser Krieg gegen Hisbollah unvermeidbar war, dann je früher, desto besser.
ZEIT: Ein schneller Sieg ist das nicht.
Ajami: Die Israelis haben einen solchen nicht erwartet. Hisbollah – gut vorbereitet und in Siedlungsgebieten verbunkert – ist nicht die PLO, die sich 1982 recht einfach aus Beirut vertreiben ließ.
ZEIT: Die öffentliche Meinung hat sich schon mal gegen Israel eingeschossen.
Ajami: Das ist nicht ganz richtig. Der Rest der Welt hat Israel ziemlich viel Raum gelassen – angefangen mit den Arabern von Kairo bis Riad. Das war insgeheim ein »grünes Licht«. Aber dieser Vorschuss schmilzt dahin angesichts der Bilder aus Süd-Beirut und Kana. Außerdem hat es Hisbollah geschafft, mit ihren Raketen ein Loch in die israelische Sicherheitsdoktrin zu schlagen, die besagt: »Kein Krieg auf eigenem Boden!« Hier hat zum ersten Mal eine arabische Truppe den Krieg ins Heimatland getragen.
ZEIT: Zum ersten Mal seit 1948/49, als arabische Armeen auf Tel Aviv vorstießen.
Ajami: Richtig. Daraus folgt, dass sich erstmalig eine echte Bedrohung an Israels Nordgrenze aufgebaut hatte, und das erzeugt zumindest etwas Verständnis für die israelische Entscheidung, in die Offensive zu gehen.
ZEIT: Die syrischen Absichten?
Ajami: Die Syrer grämt der überhastete Abzug aus dem Libanon 2005. Die glaubten tatsächlich: »The Americans are coming«, wie mir ein Vertrauter von Baschar al-Assad damals sagte. Jetzt, da die USA im Irak feststecken, sehen die Syrer eine Chance, ihre Oberherrschaft im Libanon wiederherzustellen.
ZEIT: Sie erhöhen ihr Störpotenzial, um wieder in den Libanon »eingeladen« zu werden?
Ajami: Das ist die Hoffnung. Aber das wird ihnen nicht gelingen.
ZEIT: Kann denn ein Triumph von Hisbollah überhaupt syrisches Interesse sein?
Ajami: Auf jeden Fall – weil die Syrer glauben, auch mit Hisbollah fertig zu werden.
ZEIT: Alle Welt glaubt, einen Keil zwischen Syrien und Iran treiben zu können.
Ajami: Das wird nicht gelingen. Der Zaun ist Syriens beliebtester Aufenthaltsort – zwischen Kairo und Riad hier und Teheran dort. Das ist das heilige Vermächtnis des älteren al-Assad an seinen Sohn Baschar: nie eindeutig Partei ergreifen. Reite mit den Radikalen, aber nicht an der Spitze.
ZEIT: Kein Deal mit Damaskus?
Ajami: Womit soll denn der Westen Baschar in Versuchung bringen? Das alawitische Minderheitenregime kann nur bestehen, wenn es keine klare Entscheidung trifft.
ZEIT: Was wollen die Iraner? Haben die auch fehlkalkuliert?
Ajami: Meine Quellen in Beirut und im Bekaa sind überzeugt davon, dass Teheran das Timing diktierte, indem es die Wechsel präsentierte, die mit der Ausrüstung und Ausbildung von Hisbollah aufgelaufen sind. Doch zahlen die Iraner ebenfalls einen Preis, nachdem sie die Libanesen ins Feuer geschickt haben. Die Schiiten werden erkennen, dass sie die Bauernopfer sind. Eine solche Partie kann man nur einmal aufziehen.
ZEIT: Und die brüderlichen Bande mit den Schiiten in Iran?
Ajami: Die gibt es nicht.
ZEIT: Keine Shia Connection?
Ajami: Doch, der gemeinsame Glauben. Aber Iran ist weit weg, und seine Interessen sind viel weitläufiger als die der Libanesen. Was kümmert die Iraner, die vom Öl leben, die wirtschaftlich so wichtige Touristensaison im Libanon? Der Preis ist zu hoch für den Libanon. Die Schia steht vor einer fürchterlichen Wahl: entweder »Libanismus« – Staatstreue – oder »Iranismus«. Israel hat den Libanesen signalisiert, dass sie keinen »kleinen Krieg« haben können, wenn Israels territoriale Unversehrtheit von ihrem Boden aus durchlöchert wird. Für Iran sterben? So schnell nicht mehr.
ZEIT: Also Verlierer ringsum? Und wenn die Israelis das Arsenal von Hisbollah knacken?
Ajami: Die Israelis haben nicht nur ein Problem mit Hisbollah. Die Iraner haben sich nun eine Grenze zu Israel erkauft…
ZEIT: …was heißt das?
Ajami: Iran ist nun ein Nachbar Israels.
ZEIT: Der erste israelisch-iranische Krieg?
Ajami: So ist es – per Stellvertreter.
ZEIT: Und das bedeutet?
Ajami: Eine Art Einladung zu einem strategischen Dialog. Noch einmal: Iran hat sich mit seiner Hilfe für Hisbollah buchstäblich eine Grenze zu Israel erkauft. Die Frage ist nur: Was wollen sie damit machen? Ich weiß es nicht, aber das ist ein fürchterliches und zynisches Regime.
ZEIT: Iran wird künftig auf den Trümmern des Libanons gegen Israel kämpfen?
Ajami: Das passiert ja schon. Doch haben die Libanesen dieses Spiel durchschaut.
ZEIT: Also werden sie den Griff lockern?
Ajami: Das wissen wir noch nicht. Es gibt aber einen zweiten Kriegsschauplatz, auf dem um die Loyalität der libanesischen Schia gekämpft wird. Die wird sich entscheiden müssen, ob sie den Fehler der Sunniten vor dreißig Jahren wiederholt, als die ihr Heil im Pan-Arabismus suchten. Die Araber haben keinen Finger gerührt, um den Libanon vor der PLO, dann vor den Israelis zu retten, die 1982 einmarschierten, um Arafats »Staat im Staat« zu zerschlagen. Setzt die Schia auf »Iranismus«, könnte das ihr Verderben sein. Daraus folgt umgekehrt: Die Sunni-Staaten, die sich gegen Hisbollah stellen, müssen der libanesischen Schia auch Positives bieten. Die sollten die Schia im eigenen Interesse nicht als Stiefkind behandeln.
ZEIT: Die Schiiten werden von den Sunni-Regimen im Bombenregen stehen gelassen. Die Iraner eilen ihnen auch nicht zu Hilfe. Sind die Schiiten die Verlierer?
Ajami: Nasrallah hat in ihrem Namen sehr viel aufs Spiel gesetzt und verloren. Meine Gesprächspartner im Bekaa sagen mir, dass der Mann sehr ernüchtert wirke. Der Tag der Abrechnung ist nicht weit. Im Westen glauben wir, die Schiiten seien bloß ein armer, abgerissener Haufen. Tatsächlich hat sich da viel Reichtum angesammelt, und diese Leute sind nicht beglückt von der Vernichtung ihres Eigentums. Die Rechnung wird Nasrallah von den eigenen Leuten präsentiert werden.
ZEIT: Das widerspricht der Lesart, wonach der Krieg alle Libanesen zusammenschweiße.
Ajami: Natürlich werden die Libanesen nicht in Liebe zu Israel entbrennen. Trotzdem steht die Abrechnung noch aus, zumal Nasrallah im Auftrag der Iraner gehandelt hat.
ZEIT: Kann eine Friedenstruppe helfen?
Ajami: Vergessen wir nicht Srebrenica und die schändliche Rolle der UN. Der andere Weg läuft über Damaskus nach Teheran – also Zugeständnisse an die Leute, die den Krieg ausgelöst haben. Das wird kaum funktionieren. Also Stückwerk – die Forderung, die libanesische Armee an die Grenze vorzuschieben oder dort eine internationale Truppe mit dreißigtausend Mann zu stationieren. Was auch immer: Niemand wird all seine Kriegsziele verwirklichen.
Noch eine historische Betrachtung, die bis zu Thukydides zurückreicht: Sieht man als eigentliche Kriegsursache den unaufhörlichen Machtgewinn eines unbeugsamen Gegners, könnte die Geschichte dereinst ein gnädiges Urteil über Olmert und Peretz fällen. In diesem Sinne: Sie haben ein wachsendes Militärpotenzial an ihrer Nordgrenze dezimiert, bevor Hisbollah und Iran stark genug waren, um den Zeitpunkt des nächsten Krieges zu diktieren.
Das gespräch führte josef joffe
© DIE ZEIT, 03.08.2006 |