lasen die meisten Publikationen über den Prozess gegen Wiedeking außen vor: dass es hier vor den Schranken des Gerichts offenbar noch um mehr geht; nämlich um einen Feldzug der anderen Art. Wie die Südwestpresse in wenigen dürren Zeilen berichtet hat, ist der leitende Oberstaatsanwalt nicht irgend einer, sondern "bekennender (Alt-) 68er". Es scheint nicht wenige zu geben (einschließlich mir, als Kind dieser Zeit), die sich vorstellen können, dass hier einer seine späte Rechtfertigung juvenaler Blütenträume sucht, indem er, dem einstigen Feindbild folgend,einen der (vermeintlich) prominentesten Platzhirsche des "Spätkapitalismus" erlegt. Nun, in Wiedeking wird er den Gegner bekommen, der ihm zusteht. Ich gehe davon aus, dass Wiedeking all das genau weiß und einkalkuliert. Und ich gehe ferner davon aus, dass er die Gelegenheit nutzen wird, den Herrn Oberstaatsanwalt vorzuführen und am Nasenring durch die Manege zu ziehen.
In der Sache selbst darf nicht vergessen werden, dass die meisten einstigen Anklagepunkte bereits im Vorfeld fallen gelassen wurden. Was die übrigen Punkte anbelangt, sehe ich das so, dass zum "Schaden" zwei Dinge gehören: nämlich Verlautbarungen des Unternehmens und auf der anderen Seite (emphatisch besetzte) Schlüsse, die raffgierige Spekulanten daraus ziehen. Für letztere ist ein Unternehmen aber nicht verantwortlich zu machen. Selbst wenn es mit der Induktion dieser Schlüsse bewusst gespielt haben sollte (was aber systembedingt nicht zu beweisen und nicht einmal justitiabel) ist.
Wer käme schon auf die Idee, die FED in den USA zu verklagen, wenn Bernanke sich wieder einmal der beliebten Wortspiele bedient, mit denen er -ohne tatsächlich einen Cent zu bewegen- die Märkte in grenzenlose Verzweiflung, oder auch himmelhoch jauchzende Euphorie versetzt (je nach gewünschter/beabsichtigter Wirkung) ? Hundsgemein zwar, irgendwie, aber ehrlich gesagt, sind die "Opfer" doch ihr eigenes Opfer. Weil sie sich schlicht und einfach das "Falsche" dachten.
Wiedeking wird sagen -was er übrigens früher schon sagte-: kein Unternehmen posaunt es in die Welt, wenn es eine Übernahme plant. Sonst kann es seine Pläne nämlich gleich begraben. Das sind die Gesetze des Marktes. Der Herr Oberstaatsanwalt mag das (noch) nicht erkennen und akzeptieren. Und die Kläger auch nicht. Aber am Ende des Prozess werden sie reich belohnt sein: zwar ohne Geld, aber mit viel neuer Erfahrung. |