Berlin (Reuters) - Die Windindustrie wächst trotz der Verzögerungen beim Einsatz auf hoher See noch stärker als in den vergangenen Jahren. In diesem Jahr erwartet die Branche den Bau neuer Windräder mit einer Leistung von fast 2,5 Gigawatt, der Kapazität von zwei Atomkraftwerken, wie der Bundesverband Windenergie (BWE) am Mittwoch in Berlin mitteilte. Zuletzt wurde 2003 soviel neu gebaut. Im ersten Halbjahr 2012 wurde ein Gigawatt neu installiert, rund 26 Prozent mehr als im Vorjahr. Erstmals liegt die Leistung der Windkraft insgesamt damit über 30 Gigawatt. Grund für das Plus ist vor allem, dass mittel- und süddeutsche Länder wie Bayern verstärkt auf Windenergie setzten.
"Das ist ein gutes Ergebnis", sagte BWE-Präsident Hermann Albers. Er verwies darauf, dass die installierten Anlagen immer effizienter und leistungsfähiger würden. Zudem holten besonders Rheinland-Pfalz und Bayern gegenüber den Küstenländern auf.
Insgesamt stehen in Deutschland nun rund 22700 Windräder. Die Zahl ging allerdings sogar leicht zurück, weil sie durch größere und leistungsfähigere ersetzt werden. Profitiert haben Investoren zudem davon, dass nach einer Reihe von Flaute-Jahren der Wind wieder kräftiger blies.
Windenergie, immer noch nahezu ausschließlich an Land erzeugt, trug somit 9,2 Prozent im ersten Halbjahr zum deutschen Energiemix bei. Erneuerbare Energie insgesamt erreichte in diesem Zeitraum einen Anteil von 25 Prozent. Windstrom wird wie Wasser- oder Solarstrom über eine Umlage auf die Verbraucher gefördert, er ist an Land aber deutlich kostengünstiger als Solarenergie.
OFFSHORE HINKT ENTWICKLUNG HINTERHER
Der Verband des Deutschen Maschinenbaus (VDMA), der die Produzenten der Windräder vertritt, äußerte sich enttäuscht über die Entwicklung der Windkraftanlagen auf hoher See. "Das ist höchst unbefriedigend", sagte Thomas Herdan, Geschäftsführer der Energiesparte des Verbandes. Offshore gingen im ersten Halbjahr lediglich 45 Megawatt in Betrieb. Im Laufe des Jahres würden aber immerhin mehr als zwei Gigawatt mit einem Investitionsvolumen von mehr als 7,5 Milliarden Euro im Bau sein. Herdan kritisierte die Bundesregierung scharf, weil sie immer noch keinen Gesetzentwurf vorgelegt habe, um Investitionen zu erleichtern und Risiken zu mindern. "Es ist mehr als an der Zeit, dass die Regierung dafür sorgt, dass wir die Steckdose am Meer haben."
Mit Blick auf den Weltmarkt zeigte sich Herdan für 2012 optimistisch. Rund 46 Gigawatt neuer Leistung wird erwartet, getrieben unter anderem von den USA, wo Ende des Jahres Steuervergünstigungen auslaufen. So werde 2013 allerdings auch ein schwieriges Jahr in Amerika und weltweit. China habe große Überkapazitäten aufgebaut, die auf den Markt kämen. Als Produzent hat Deutschland mit 16 Prozent Weltmarktanteil eine Führungsposition.
Albers und Herdan sagten mit Blick auf die Kosten des Ökostroms, das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) müsse in den nächsten Jahren grundlegend reformiert werden. Darüber müsse man sich jetzt Gedanken machen, allerdings sollte die eigentliche Reform dann wie geplant 2015 umgesetzt werden, sagte Albers.
© Thomson Reuters 2012 Alle Rechte vorbehalten.