BKA-Umzug Was kein Terrorist je geschafft hat: Das Amt lahmzulegen Von Peter Carstens und Stephan Löwenstein
15. Januar 2004 Auch für eigensinnige Individualisten gibt es Augenblicke, da Alleinsein nicht Glück bedeutet. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) durchlebte einen solchen Moment am vergangenen Mittwoch. Ganz allein saß Schily anderthalb Stunden lang auf der Regierungsbank, als in aktueller Stunde über den Umzug des Bundeskriminalamtes debattiert wurde. Es hagelte Vorwürfe von der Opposition, und niemand hielt dem Minister den Schirm. Schily saß alleine, seine Ministerkollegen waren nicht im Saal - oder aber sie hielten sich unter den Abgeordneten im Plenum auf, wie etwa Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul aus dem Wahlkreis Wiesbaden.
Eine Stunde lang sprang kein einziger Abgeordneter der Regierungsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen dem Minister bei, um ihn zu schützen und zu stützen. Im Gegenteil. Besonders von grüner Seite wurde Schily mit der ganzen Wucht aufgetürmten Abgeordnetenstolzes angegriffen. Das war umso risikoloser, als man ja wußte, daß selbst der SPD-Fraktionsvorsitzende Müntefering einige deutliche Worte zu Schilys überraschenden Umzugsplänen für das Bundeskriminalamt gefunden hatte. Schily saß anfangs auf seinem Stuhl in der Regierungsbank, später rutschte er an ihm immer tiefer hinab und hörte ohne Gesichtsregung, wie beispielsweise die grüne Abgeordnete Stokar von Neuforn ihm angekündigte, sie wolle im Bündnis mit den Beamten vom Bundeskriminalamt gegen den Umzugsbeschluß demonstrieren.
Geballter Zorn
Schily machte dann auch noch den Fehler, seine Redezeit zu überziehen, als er versuchte, in einer in Minuten gemessenen Frist seine Anordnung zu verteidigen. Das bietet nach der Geschäftsordnung des Bundestages den Abgeordneten die Möglichkeit zur "Aussprache" über die Ministerworte. Die ohnehin schon quälend lange "Aktuelle Stunde", beantragt von der CDU/CSU-Fraktion, wurde also noch länger, es bekamen noch ein paar Abgeordnete - vorwiegend aus den umzugsbetroffenen Gegenden um Wiesbaden und Meckenheim - das Wort. Schließlich traten die Abgeordneten Wiefelspütz und Ströbele ans Rednermikrophon und verschlimmerten die Sache durch beinahe mitleidig klingende Redebeiträge, in denen sie die Beweglichkeit Schilys lobten und sein Versprechen, alles noch einmal zu prüfen.
Das Versprechen hatte Schily erstmals in den Versammlungen der Mitarbeiter von den BKA-Standorten Meckenheim (der aufgelöst werden soll) und Wiesbaden gegeben. Da war - vielleicht auch für den Minister überraschend - der geballte Zorn über die hereingebrochen, die die Umzugsentscheidung zu vertreten hatten. Seit der Umzugsbeschluß bekanntgeworden ist, tobt das ganze Amt. Kriminalpolizisten außerhalb des Hauses gewinnen den Eindruck, daß man sich dort seit einer Woche mit überhaupt nichts anderem beschäftige. Oder, wie eine Beamtin in einer der Versammlungen sagte: "Was kein Terrorist je geschafft hat, hat die Amtsleitung geschafft: Das Amt völlig lahmzulegen."
Ballung von Sicherheitsbehörden
Erst sprach Ulrich Kersten, der Präsident des Bundeskriminalamts, unterbrochen von Mißfallensbekundungen, höhnischem Beifall, Gelächter. Dann kam Schily, und es gelang ihm, bei den Beamten den Eindruck zu erwecken, von den immer sachlicher werdenden Argumenten beeindruckt zu sein. Warum, so wird argumentiert, solle eine gut funktionierende Behörde auseinandergerissen und in einen Lähmzustand versetzt werden, noch dazu in diesen gefährlichen Zeiten? Warum der hohe Kostenaufwand, das Geld sei doch besser in Ausstattung angelegt.
Habe nicht Schily selbst geäußert, das BKA gehöre zu den "effektivsten und wichtigsten Garanten bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der Organisierten Kriminalität"? Seit je werde intern wie auch im Zusammenspiel mit anderen Behörden - BND, Verfassungsschutz, Zoll, Landeskriminalämtern - zusammengearbeitet, ohne daß alle auf einem Fleck säßen. Auch ist zu hören, durch die Ballung von Sicherheitsbehörden werde die Sicherheit gar beeinträchtigt, weil so ein für Terroristen immer lohnenderes Ziel entstehe.
Besonders empört sind die Beamten wegen der Unterstellung, sie seien aus Bequemlichkeit umzugsunwillig. Hätten sich nicht unzählige Freiwillige bereitgefunden, etwa an den Sonderkommissionen "USA" in Hamburg (nach dem 11. September) und "Wüste" in Berlin (wegen des Geiseldramas in der Sahara) mitzuwirken, ohne Überstunden und wochenlange Abwesenheit zu scheuen? Just diese beiden Fälle waren von Kersten vorgebracht worden, um das Umzugsdesiderat zu illustrieren.
Politische "Schnittstelle"
Dabei bestreiten die Umzugsgegner keineswegs die Notwendigkeit, in Berlin eine politische "Schnittstelle" zu schaffen. Es reiche aus, wenn "Bereiche von besonderer politischer Bedeutung" dorthin ausgelagert werden, meint etwa Winfried Wahlig, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei im BKA. Am schon existierenden Standort in Treptow sei noch "Luft" für bis zu 600 neuen Arbeitsplätzen. Ein Umzug mit mehr als 2000 Mitarbeitern sei aber weit überzogen. Die Politik brauche Ansprechpartner aus den Führungsebenen an Ort und Stelle, sagt der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Jansen - nicht aber Sachbearbeiter und Ermittler.
Der Bundestagsabgeordnete Ströbele, wie Schily im früheren Leben Strafverteidiger und Bekannter aus Zeiten, da beide als Rechtsanwälte in politischen Prozessen auftraten, sagte kurz vor dem Ende der Debatte noch ein mäßigendes Wort, gab aber auch zu Protokoll, daß sich Beamte des Bundeskriminalamtes hilfesuchend an ihn gewandt hätten. Das nutzte der FDP-Politiker Westerwelle zu der Bemerkung, daß im Bundeskriminalamt die Verzweiflung wirklich riesengroß sein müsse, wenn man sich an Ströbele wende. Schily ertrug die Angriffe - und auch die Verteidigungen - mit äußerlichem Gleichmut.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2004, Nr. 13 / Seite 3 Bildmaterial: dpa/dpaweb
Quelle: http://www.faz.net/s/...F1B2C322085D3E4053~ATpl~Ecommon~Scontent.html |