Samstag 16. April 2005, Wirtschaft
«Für Insider ist klar, dass Rolf Erb noch immer Geld hat»
Wirtschaftsbuch: Wie die Erbs in Winterthur gesunde Unternehmen in die Pleite spekulierten Die Erbs führten ihre Firmen nicht als Unternehmer, sondern als hemmungslose Spieler. Ein Gespräch mit Thomas Buomberger.
von ANDREAS WIDMER
Schaffhauser Nachrichten: Herr Buomberger, Ihr Buch liest sich über weite Strecken wie eine Anklage. In der Einleitung fassen Sie das in die Worte, es handle sich um «eine Geschichte von Arroganz und Machtrausch, von Dummheit und persönlichem Versagen». Welches waren Ihre Motive, dieses Buch zu schreiben?
Thomas Buomberger: Die «SonntagsZeitung» beauftragte mich drei Monate nach der Erb-Pleite, eine dreiteilige Serie darüber zu schreiben. Vorher hatte ich mich nicht damit beschäftigt. Diese Auftragsarbeit animierte mich zu weiter gehenden Recherchen, denn ich merkte, dass ich an einer sehr spannenden Geschichte war, die genug Stoff für ein Buch liefern würde. Es geht ja um den zweitgrössten Crash der Schweizer Wirtschaftsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Swissair-Grounding.
Man könnte einwenden, heute sei es einfach, die Erbs zu kritisieren. Sind Sie den entlastenden Fakten mit dem gleichen Einsatz nachgegangen wie den belastenden? Welche gibt es?
Buomberger: Ich hörte im Laufe meiner Gespräche mit rund 150 Auskunftspersonen auch positive Schilderungen von Hugo Erb. Man muss einräumen, dass er ein cleverer Geschäftsmann war und vorab das Autogeschäft sehr gut betrieben hat. Zudem war er kein Protz wie sein Sohn Rolf mit dem Schloss Eugensberg. Wenn er nur bei seinem Leisten geblieben wäre . . .
Tatsache bleibt auch, dass manche Angestellten trotz oft arroganter und notorisch knausriger Behandlung durch die Chefs während Jahren und Jahrzehnten loyal zur Firma hielten.
Buomberger: Viele von ihnen sagten mir, in diesem Betrieb sei etwas gelaufen. Wer die Ärmel hochkrempelte, habe dank der Führung an langer Leine Eigeninitiative entwickeln und auch selber Ideen umsetzen können. Das sagten nicht nur Kaderleute. Das Arbeitsklima sei kreativ gewesen.Welche Erfahrungen machten Sie bei Ihren Recherchen für das Buch? Buomberger: Einige Quellen sprudelten sehr ausgiebig, nicht alle wollten aber namentlich zitiert werden. Andere Angefragte wollten überhaupt nichts sagen ...
... vor allem die beiden heutigen Hauptpersonen Rolf und Christian Erb.
Buomberger: Selbstverständlich woll-te ich mit beiden ins Gespräch kommen und habe mehrfach versucht, Kontakt aufzunehmen - leider erfolglos. Mit Christian habe ich einmal vielleicht zehn Minuten telefonieren können. Er jammerte, wie die Medien alles verzerrt darstellten und Lügengeschichten verbreiteten. Auskünfte auf Fragen erhielt ich aber keine. Und Rolf mauerte total, hängte bei Anrufen auf und nahm auch eingeschriebene Briefe nicht entgegen.
Die Zeitschrift «Cash» berichtete vor einem Monat, gestützt auf ein ihr vorliegendes Gutachten, die Bilanzen der Erb-Gruppe seien schon seit 1990 «systematisch verfälscht» worden.
Buomberger: Vor ein paar Tagen redete ich nochmals mit einer meiner Auskunftspersonen und erfuhr dabei - leider zu spät für das Buch -, dass die Erb-Bilanzen sogar schon in den Achtzigerjahren manipuliert worden seien.
Decken sich Ihre Informationen mit unseren, wonach Rolf sich die eingeschriebenen Briefe mit den Betreibungen in ein Fünfsternehotel in St. Moritz nachschicken liess? Dieses wird kaum Checks von ihm akzeptiert haben ...
Buomberger: Dass er dort in den Skiferien war oder ist, habe ich ebenfalls gehört. Für alle Insider ist sonnenklar, dass er Geld hat - aber niemand weiss, woher. Vermutet werden könnte, dass er mit Rainer Kahrmann von der Kölner CBB irgendwelche Deals gedreht hat. Einer Auskunftsperson jammerte Rolf übrigens allen Ernstes vor, wie sehr er jetzt an allen Ecken und Enden sparen müsse. Aus diesem Grund habe er im ganzen Schloss Eugensberg Energiesparlampen montiert ...
Der Mephisto im Erb-Drama scheint der Deutsche Kahrmann zu sein.
Buomberger: Ja, für mich ist er die Schlüsselfigur, welche die Erbs zu den unheilvollen Finanzengagements bewegt hat. Mir sagte er, das Engagement bei der Londoner EBC-Bank habe ihnen dazu verholfen, auf dem Finanzplatz London Geld aufzunehmen. Offenbar brauchten sie diese Beziehung für ihre intern strikt verheimlichten, ebenso gigantischen wie verantwortungslosen Devisenspekulationen mit dem abgeschöpften Bargeld «ihrer» gesunden Firmen. Sie sahen diese als ihr persönliches Eigentum an, mit dem sie tun und lassen konnten, was sie wollten.
Ihre Folgerungen aus dem Desaster?
Buomberger: Professor Gerhard Walter von der Uni Bern meint als Experte, das Schweizer Konkursrecht sei zu schuldnerfreundlich, wenn neues Einkommen von Konkursiten bis zum Verfahrensabschluss geschützt bleibe. Der Gesetzgeber und die Finanzwelt müssten sich auch fragen, ob die Offenlegungsvorschriften für börsenkotierte Unternehmen nicht auch für Familien-AGs ab einer bestimmten Grösse eingeführt werden sollten.
Der promovierte Historiker Thomas Buomberger wurde 1952 in Winterthur geboren. Er ist als Journalist und freier Autor tätig. «Die Erb-Pleite - wie die Besitzerfamilie ein blühendes Unternehmen mit Spekulationen ruinierte», Orell Füssli Verlag, Zürich 2005, 207 Seiten, ISBN 3-280-060543-0, 39.80 Franken. Bild key
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