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So eine Hure

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neuester Beitrag: 05.11.02 21:48
eröffnet am: 05.11.02 21:40 von: Elan Anzahl Beiträge: 3
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05.11.02 21:40

5074 Postings, 7353 Tage ElanSo eine Hure


Elan
1984 ist jetzt



Man braucht keinen Korkenzieher, um eine Flasche Wein zu öffnen. Du drückst nur einfach den Korken in das Innere der Flasche, wo er maximal eine halbe Stunde lang hin und her dümpelt und nach dem letzten Schluck auf Grund läuft. Ich fühle mich mit dem Korken solidarisch. Wir wurden beide von einer höheren Macht mit gewaltigem Druck in etwas reingepresst, in kleinen und großen Wellen schaukelt uns das Schicksal, bis wir fast ertrinken. Und am Ende stranden wir auf dem Grund. Ausgetrocknet, ermüdet, unbrauchbar.

Oppenheimer Krötenbrunnen - steht auf dem Etikett. Oppenheimer! Ich sehe gespaltene Kerne, ein Blitz, ein Grollen, ein Pilz. Es stinkt nach verbranntem Fleisch, versengten Haaren, verbrühten Augen. Schatten verewigen sich in Mauern, es regnet Asche.

Schmeckt gut das Zeug. Liegt wohl am Glykol. Wein passt nicht nur zu bestimmten Fressalien, sondern er ist gut zum schreiben. Man kann viel davon trinken. Wein entspannt und man muss nicht so oft pissen wie vom Bier.

Oppenheimer! Trinity... Trinity... Trinity. Der erste Kontakt mit dem Ungewissen.

Der Prolog für die Menschheit.

Trinity? War das nicht auch der Name dieser Mieze in MATRIX? Geschmeidige Katze, dunkle kurze Haare, ärmelloses Latex-Oberteil, verliebt in Keanu Reeves. Reeves! Was macht eigentlich Christopher?

Hab gelesen, dass er auf wundersame Weise wieder seine rechte Hand bewegen kann. Beweglich genug, um den Knopf zu drücken.

Ein Blitz, ein Grollen, ein Pilz.





Ein Blitz, ein Grollen, ein Pilz

Auf der nächsten Flasche, die ich mit dem eigenen Korken penetriere, steht:

Kröver Nacktarsch. Yeah! Wir kommen alle mit einem nackten Arsch zur Welt. Der Sohn des Diebes, die Tochter des Präsidenten, schwarz, weiß, grün, schlitzäugig, blind oder als siamesischer Zwilling. Alle mit nacktem Arsch. Viele von denen werden gefickt. Ein Leben lang.

Auch Krövers nackter Arsch?

Steckt viel Existenzialismus in den Namen von Weinen. Aber definitiv zu wenig Alkohol. Die zweite Flasche in nur noch halb voll (Man sieht: Ich bin ein positiv denkender Mensch) und das Blatt in der Schreibmaschine ist immer noch weiß und jungfräulich. Spüre schon, das es heute nicht viel Sinn macht. Der Wein motiviert nicht, er macht mich träge, aber dieses Manuskript muss fertig.

Ich brauche Geld!

Der Vermieter ist ein ziemliches Arschloch. Jeden Monat, immer zum gleichen Termin will er Kohle. Er verlangt Unmögliches. Ab 20:00 Uhr ist die Haustür abzuschließen, der Müll soll getrennt werden und Partys maximal einmal im Monat. Aber nur bei Voranmeldung und Genehmigung.

Im Sommer steigt jeden Abend der penetrante Geruch von seinem Grillanzünder in meine kleine Dachwohnung. Tagsüber stinkt es nach Schweinescheiße, abends nach Spiritus.

Die Hütte hier ist wegen dem benachbarten Schlachthaus ziemlich billig, aber für mich immer noch zu teuer.

Hab es mal mit einer richtigen Arbeit versucht.

Heuerte als Bauhelfer für 6,5?/Std auf einer Großbaustelle an. Was dort gebaut werden sollte, weiß ich bis heute noch nicht. Es herrschte ein unglaublicher Krach. Kompressoren, Bagger, Mischmaschinen brüllten ihre hydraulische und mechanische Kraft in die staubige Luft, in die verdreckten Ohren von schwitzenden Männern. Schwuchteln mit weißen Helmen und großen Bögen mit wirren Zeichnungen sorgten für Chaos. Schreie, Flüche und Beleidigungen in einem Stimmengewirr aus unzähligen Sprachen.

Es war der blanke Horror.

Ich kam damals gleich zu spät, aber die Jungs in dem Bauwagen schienen auch nicht sonderlich motiviert. Ich trat ein in diesen stickigen Palast aus Blech und Faserplatten.

"Morgen"

"Morgen kannst du zu Hause bleiben, wenn du noch mal zu spät kommst", maulte mich der Typ, der am Ende des Tisches saß, an. Es war der Vorarbeiter. So etwas wie eine Art Gott, wie er wohl in jeder Kolonne zu finden ist. Um es mir nicht gleich mit dem Kerl zu versauen, spielte ich den Motivierten.



"Okay, aber jetzt kann es meinetwegen los gehen"

"Wir warten noch, bis das Wetter etwas besser wird"

"Aber draußen scheint die Sonne"

"Hey Macker! Wir ham ´nen Bauhelfer bestellt. Keinen Meteorologen"

Mit Göttern diskutiert man nicht. Also setzte ich mich auf den einzigen freien Stuhl und betete schweigend seinen Psalm, während die meisten in der Bauarbeiter Bibel lasen.

Bis auf dem kleinen Türken neben mir, hatte alle ihre kantigen Schädel in der Bild gesteckt und sabberten auf die fetten Titten des Seite 1 Mädels.

Der kleine Türke grinste mich an, sprang auf und reckte den rechten Arm in die Höhe.

"Heile Hitler! Ich bin Ali"

"ALI! Pflanz deinen Arsch wieder hin und las so ´nen Scheiß"

"Aber warume? Gestern in Film gesehen hat Ali, alle Deutschen mache Heile Hitler. Bei die Frühstück, in der Straßebahn, nach Ficki Ficki! Immer Heile Hitler, heile Hitler. Ware der kaputt?"







ERBARMEN!





Eines war klar. Mit dem Türken würde ich mich prima verstehen. Er hatte Humor und wahrscheinlich mehr Verstand als der Rest dieser schmutzigen Truppe zusammen.

Etwas später gab der Vorstand das Zeichen zum Aufbruch:

"Los jetzt, bevor der Alte kommt"

Die Jungs sprangen auf, griffen sich ihr Werkzeug und kletterten auf das hohe Gerüst.

"Hast du schon mal gevögelt?" wollte der Vorarbeiter von mir wissen.

"Sehe ich aus wie ein verdammter Wichser?"

"Schon, aber ich meine DAS da"

Er zeigte auf ein mir unbekanntes Gerät, das aus einem dreibeinigen Stahlkonstrukt bestand und auf dessen Halterung ein Bottich ruhte. Ich ahnte, was da auf mich zu kam, und Sekunden später wurde es mir von höchster Stelle bestätigt.

"Das ist ein Speißvogel. Ali mischt und du transportierst es zu den Maurern. Die Jungs verballern davon mehrere Kubikmeter am Tag. Rauchst du?"

"Klar"

"Heute wohl nicht"

Dann drehte er sich um und ging auf das kleine blaue Scheißhaus, das am Rande der Baustelle stand.

Der dreckige Bottich wog mindestens einen halben Zentner. Mit wackeligen Beinen nahm ich Sprosse für Sprosse auf der alten Holzleiter. Ali lachte und die Maurer schrieen nach Material.

Leiter rauf, Leiter runter.

Durch die einseitige Belastung schmerzte meine Schulter, die Bandscheibe, der Oberschenkel. Alles auf der rechten Körperhälfte und zur Mittagspause schlich ich wie ein Schlaganfall Patient in den Bauwagen.

Die machten sich alle über mich lustig, aber es gab Bier, laute Rülpser und stinkende Fürze. Sie bissen in ihre Brote, die brave Hausmütterchen jeden Morgen schmierten, redeten übers Ficken und Fußball.

Ich war verkrüppelt, das Bier machte mich müde, während Ali über Hitler mit sich selbst fachsimpelte.

"Wennde Hitler hätte Atompumpe gehabt, dann viele Scheiße. Nix mehr Heile Hitler!"

Die Typen waren keine schlechten Menschen, aber unsäglich blöde.

Aber was kann man von Leuten verlangen, die ihr Leben lang nur Steine in eine Reihe packten? Lagerfuge, Stein, Stoßfuge. Immer an der Schnur entlang. Stein für Stein. Reihe für Reihe. Tag für Tag.

Gegen Ende meines ersten Arbeitstages wurden die Maurer immer langsamer und Ali und ich konnte einen Gang zurückschalten. Als sie mir ihr Werkzeug zum säubern vor die Füße schmissen, konnte ich mich kaum noch bewegen.

Um 17:00 Uhr war endlich Feierabend und ich kroch Richtung Heimat, robbte die Treppe hinauf und gelang irgendwie aufs Sofa.

Einen kurzen Moment lauschte ich noch dem Dröhnen der Mischmaschine, deren Sound sich in meinem Hirn festgefressen hatte, dann fiel ich in einen todesähnlichen Schlaf.

Mitten in der Nacht wurde ich wieder wach. Mein Magen knurrte wie ein räudiger Wolf, der tagelang hungrig durch die sibirischen Wälder gestreift war und auf einen leckeren Haufen warmer Bärenscheiße gestoßen ist.

Eine Dose Ravioli mit viel Maggi, eine trockene Scheibe Brot und mehrere Triple von dem beschissenen polnischen Wodka. Braungrauer Dreck. Der erste Sud aus der Destille, der normalerweise weggekippt wird, aber spottbillig.

Besoffen und vollgefressen schlief ich wieder ein, vergaß den Wecker zu stellen und wachte gegen 9:00 Uhr morgens wieder auf.

Der Deal war klar. Wenn ich noch einmal zu spät käme, brauchte ich gar nicht mehr zu kommen. Also drehte ich mich wieder um und schlief bis in den späten Nachmittag.

Dieser kurze Ausflug in die Arbeitswelt des Otto Normalverbrauchers hatte mir gereicht. Ich schrieb lieber wieder kleine Artikel, dumme Statements und Short Storys. Für jeden, für eine Handvoll Kleingeld. Eine Hure, die sich für den zahlenden Kunden öffnete, sein Innerstes nach außen kehrte und in Worte fasste.

Jeder konnte mich haben, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Das weiße Blatt hängt immer noch leer und leblos in der Schreibmaschine, deren Typen nur auf den Anschlag warten, um ihre Schädel in das Papier zu stanzen. Der Wein geht zur Neige und ich kloppe: LECKT MICH ALLE AM ARSCH aufs Papier.

Noch drei Tage bis zum Termin und mir fehlen noch gut und gerne 100 Seiten.

Ich verlasse meinen Arbeitsplatz, nehme den überquellenden Aschenbecher mit zum Sofa und packe mir die Fernbedienung. Auf einem dieser Privatsender läuft ein billiger italienischer Film, dessen debile Handlung in Vietnam spielt.

"Alpha Tango Delta! Bitte melden! Hier ist Sgt. Brodkowsi. Charlie hat uns umzingelt. Wir habe eine 11/19. Wiederhole. Charlie hat uns umzingelt. Benötigen dringend Luftunterstützung. Alpha Taaaaaaaaaaa....."

Ein Geschoss zerfetzt Sgt. Brodkowskis Schädel und verteilt den ganzen Mist in einem Reisfeld. Die Knochensplitter, das Hirn und viel Blut erreichen die Halme etwas eher, als der tote Körper des Soldaten, der wie ein nasser Sack ins Wasser plumpst.

Ein Held?

Nein, auch nur eine Hure. Ob Autor, Maurer oder Soldat. Wir sind alle Huren. Die einen töten, die anderen bekommen keine Orden.

Scheiß Film! Ich lege MATRIX in den Recorder.







 

05.11.02 21:46

1643 Postings, 6898 Tage NewletterSonst gehts dir gut?? o. T.

05.11.02 21:48

5074 Postings, 7353 Tage Elanwas ist dein Problem?



Elan
1984 ist jetzt

 

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