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"Revolutionaere Romantik im Iran"

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neuester Beitrag: 19.01.06 11:33
eröffnet am: 19.01.06 11:33 von: lucatravis Anzahl Beiträge: 1
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396 Postings, 5265 Tage lucatravis"Revolutionaere Romantik im Iran"

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" Revolutionäre Romantik"
von Bahman Nirumand

Bahman Nirumand war als Autor des Bestsellers ?Persien, Modell eines Entwicklungslandes? ein Vorreiter der APO. Das ist über 30 Jahre her. Bettina Röhl traf den Exil-Iraner, einst mit ihrer Mutter befreundet, zu einem Gespräch über die 68er und den Iran.

Lesen Sie hier die ungekürzte Fassung des Interviews mit Bahman Nirumand aus der Cicero Januar-Ausgabe 2005. Das Interview führte Bettina Röhl.

Du stammst aus einer wohlhabenden Teheraner Beamtenfamilie, die schon sehr früh, sehr gute Beziehungen nach Deutschland hatte. Dein Onkel war vor dem 2. Weltkrieg persischer Konsul in Berlin. Er nahm seine deutsche Frau und auch seine Schwiegermutter, die du als Kind Mutti genannt hast, mit nach Teheran, als die iranischen Beziehungen zu Hitlerdeutschland sich ungünstig entwickelt hatten. Noch ein zweiter Onkel von dir kehrte damals mit seiner deutschen Frau zurück in die iranische Hauptstadt. Du selber bist 1952 mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Du hast dann in Deutschland auf einer Waldorfschule Abitur gemacht. Anfang der sechziger bist du als promovierter Literaturwissenschaftler nach Teheran zurückgekehrt. Dein Vater war ein enger Mitarbeiter des alten Schah und er war ein überzeugter Monarchist. Du selber bist noch während deiner Studienzeit in Deutschland zu einem engagierten Opponenten gegen den damals noch jungen Schah Reza Pahlewi geworden? Warum?

1953 war ich während der Sommerferien in Teheran und habe den Putsch gegen Mossadegh miterlebt. Mossadegh. war der einzige, demokratische Ministerpräsident, den wir in der jüngsten iranischen Geschichte kennen.


http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&item=954
http://www.cicero.de/...954&aktion=blaettern&teil_num=1&teil_gesamt=2

Du warst Oppositioneller unter dem Schah. Dann erlebtest du unter Khomeini die Islamisierung des Iran. Du musstest wieder nach Deutschland fliehen. Wie beurteilst du die heutige Regierung. Der neue Staatschef des Iran, Ahmadinedschad, forderte in einer Rede am letzten Al-Quds-Tag das iranische Volk auf, ?Israel von der Landkarte zu löschen?. Wie beurteilst du das?

Seit Bestehen der islamischen Republik wird der erste Freitag am Ende des Fastenmonats, als der sogenannte " Tag Jerusalems" , als Solidarität mit dem Kampf der Palästinenser gefeiert und jedes Mal an diesem Tag werden dieselben Äußerungen wiederholt: Israel muss weg usw. Die überwiegende Mehrheit im Iran hat die Ohren voll davon. Auch in diesem Jahr hat das niemand als etwas Neues empfunden. Erst als das Ausland reagierte, haben die Iraner gemerkt, oh da ist was passiert. Allerdings muss ich sagen, in den letzten Jahren, hat kein iranischer Staatspräsident so etwas gesagt. Aber im Ausland ist das registriert worden, meiner Ansicht nach, ist das ganz schön aufgebauscht worden.

Diese Äußerungen sind schlimm, schlimm genug. Und jedes Jahr wiederholen sich diese Äußerungen, aber ich denke die Israelis und die USA haben gemerkt: jetzt können sie daraus ganz schön Kapital schlagen und das ist ihnen auch gelungen. Eine große Welle der Empörung ging durch die ganze Welt, sogar China und Russland haben sich angeschlossen. Warum Ahmadinedschad das gesagt hat, welcher Teufel ihn geritten hat, so etwas in so einer Situation zu sagen, da kann man nur Vermutungen anstellen. Ich denke, das ist zurückzuführen auf die Rivalitäten, die innerhalb des islamischen Lagers herrschen und Ahmadinedschad ist völlig unerfahren. Außenpolitisch hat er absolut keine Ahnung und die einzige Erfahrung, die er innenpolitisch besitzt, ist, dass er zwei Jahre lang Teheraner Bürgermeister war. Ansonsten ist er politisch ungebildet und ohne Erfahrung und er ist, meiner Ansicht nach, von seinen Rivalen innerhalb des islamischen Lagers in eine Falle gelockt worden. Die wollten zeigen, der taugt sowieso nichts, das sind innere Machtkämpfe.

Gut, aber jetzt gibt es diese Äußerungen und sie gehen weit über das hinaus, was bisher von einem iranischen Staatschef, seit Khomeini geäußert worden ist. Und Ahmadinedschad hat, nach dem er eine Welle der Empörung ausgelöst hat, auch noch einmal bekräftigt, dass er es ernst meint. Am selben Tag ist wieder ein Selbstmordattentat von einem Palästinenser in Israel verübt worden. Hat Ahmadinedschad eine eigene terroristische Vergangenheit, wie behauptet wird?

Ahmadinedschad gehört zum militärischen Arm des Gottesstaates. Hier hat er seine eigentliche Basis. Die militärischen und paramilitärischen Einrichtungen, die mit Chomeinis Machtübernahme 1979 als Alternative zu der damals schahfreundlichen Armee gegründet wurden, rekrutierten sich vorwiegend aus jungen Männern, die begeistert von der islamischen Revolution und ihrem Führer Ayatollah Chomeini, zu jedem Opfer bereit waren. Aus ihrer Sicht sind Morde gegen Oppositionelle und Gegner der islamischen Republik ein notwendiger Akt im Dienste des Glaubens.

Diese Generation hat die Lasten des achtjährigen Krieges gegen den Irak und des darauffolgenden Wiederaufbaus getragen, während Männer wie Rafsandschani die Zügel der Macht in der Hand hielten und zu enormem Reichtum gelangten.

Diese grauen Eminenzen sind trotz ihrer fundamentalistischen Ansichten inzwischen moderater geworden, aus der Sicht der jüngeren Radikalislamisten wie Ahmadinedschad ein Verrat an den Zielen der Revolution.

Seinen Weg begann der heute 49-jährige Ahmadinedschad zur Zeit der Revolution als er Student der Technischen Hochschule in Teheran war. Über seine damaligen, politischen Aktivitäten ist wenig bekannt. Er selbst sagt, dass er Mitglied der " Studenten der Linie Imam Chomeini" gewesen sei. Von dieser Organisation ging die Initiative zur Geiselnahme amerikanischer Botschaftsangehörigen 1979 in Teheran aus. Ahmadinedschad behauptet jedoch, daran nicht beteiligt gewesen zu sein. Demgegenüber meinen einige Geiseln, ihn auf Fotos wiederzuerkennen. Ahmadinedschads Sprecher wiegelt ab und sagt, er sei damals aufgrund seiner stark antikommunistischen Einstellung eher dafür gewesen, statt der amerikanischen, die sowjetische Botschaft zu besetzen. Von den damaligen Geiselnehmern sagen einige, er sei später hinzugekommen. Die USA bemühen sich nun, die Wahrheit herauszufinden.

Unbestritten ist, dass Ahmadinedschad Mitglied der paramilitärischen " Sepah-e Ghods" (Armee Jerusalem) und als solcher in der Abteilung für Auslandsoperationen, die auch in Europa gegen iranische Oppositionelle eingesetzt wurde, aktiv war.

Es gibt handfeste Indizien, dass Ahmadinedschad 1989 bei dem Mord in Wien gegen den Vorsitzenden der Demokratischen Partei des iranischen Kurdistan, Abdolrahman Ghassemlu, und zwei anderer Parteimitglieder beteiligt gewesen war. Über den Mord hat ein Zeuge, der inzwischen als " Zeuge D" bekannt geworden ist, in einem vertraulichen Gespräch dem früheren Staatspräsidenten Abolhassan Banisadr, der inzwischen im Pariser Exil lebt,
einen detaillierten Bericht vorgelegt. Der Zeuge D hat dabei Ahmadinedschad schwer belastet.

Am 13. Juli 1989 war es soweit, berichtete er. Die Täter, in zwei Gruppen aufgeteilt, schlugen zu. Die erste Gruppe sollte den Mordauftrag erledigen. Im Falle des Scheiterns sollte die zweite Gruppe unter der Leitung von Ahmadinedschad den Auftrag übernehmen. Doch alles lief reibungslos. Nur einer der Täter wurde verletzt und musste ins Krankenhaus. Die anderen konnten am selben Tag Österreich verlassen. Auch der Verletzte konnte später trotz Mordverdacht mit ausdrücklicher Zustimmung der österreichischen Regierung in den Iran fliegen. Die beiden Mörder, Taghipur und Asgari sind inzwischen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Banisadr hat den Bericht an den grünen österreichischen Politiker Peter Pilz, Mitglied des Sicherheitsausschusses im österreichischen Parlament, weitergeleitet. Pilz ist seit Jahren mit dem Fall beschäftigt. Er hörte selbst den Zeugen D in Paris an und zeichnete die Aussagen auf. Pilz bestätigte, dass sich diese Aussagen mit seinen eigenen Recherchen deckten und erklärte: " Ich werde alles tun, damit die Verfolgung der Täter durch die österreichische Justiz wieder aufgenommen wird." Für ihn stehe fest, dass Ahmadinedschad eine Gruppe der Täter geleitet habe. Doch Österreichs Justiz zögert immer noch. Immerhin will sie den Zeugen D erst einmal anhören. Ahmadinedschad werden noch weitere Beteiligung an Attentaten im Ausland nachgesagt. Er soll unter anderem an dem Mordanschlag gegen den letzten Ministerpräsidenten des Schahs, Schahpur Bachtiar, in Paris aktiv beteiligt gewesen sein.

Willst du damit sagen, dass eine Art Terrorist Staatschef im Iran ist?

Nicht eine Art Terrorist, sondern das ist purer Terrorismus und zwar auf brutalste Weise und viele wissen das im Iran, aber was sollen sie machen. Es gibt mehrere Terroristen, die in der Staatsführung sind, Haschemi Rafsandschani, oder Revolutionsführer Chamenei.

Ein Berliner Gericht hat in seinem Urteil geschrieben ? es ist das bekannte Mykonos-Urteil, da sind ja auch hier im Mykonos-Lokal in Berlin einige Iraner umgebracht worden - dass an diesem Mordauftrag der damalige Außenminister Welayati und der damalige Staatspräsident Rafsandjani, Geheimdienstminister Fallahian und Revolutionsführer Chamenei den Mord in Auftrag gegeben hatten. Übrigens wäre auch ich fast unter den Opfern gewesen, da ich zu diesem Treffen iranischer Oppositioneller im Mykonos-Restaurant auch eingeladen war und nur wegen eines Missverständnisses über den Termin nicht gekommen bin. Wenn man bei uns sagt Mittwoch Abend, dann ist das Mittwoch Abend, aber wenn man sagt Abend des Mittwoch, dann ist das Dienstag, und dadurch gab es eine Verwechslung, sonst wäre ich an diesem Tag dorthin gegangen. So ähnlich ging es auch zwei meiner Freunde, darunter Nosratollah Barati-Novbari (Schwiegervater von Joschka Fischer, Anm. d. Red.). Sie gingen aus demselben Grund nicht zu dem Treffen und entgingen deshalb dem Anschlag. Fest steht: Ahmadinedschad ist ein Fundamentalist mit völlig radikalen Ideen fernab aller Realität, politisch unerfahren, ungebildet und er kann viel Unheil anrichten.

Wird da ein Krieg mit den USA oder Israel provoziert? Gibt es im Iran Ängste in diese Richtung?

Solche Ängste gibt es, aber du musst wissen, der Iran ist nicht Irak. Die neue Regierung hat zwar nur eine Minderheit hinter sich, aber Iran hat über 70 Mio. Einwohner. Und selbst diese Minderheit, die auf der Seite von Ahmadinedschad steht, besteht aus ein paar Millionen Menschen und diese Millionen sind bewaffnet und zum Märtyrertod bereit und bei der ersten Bombe, die auf den Iran fallen würde, würden alle diese Leute mobilisiert werden und ein Feuer entfachen in der ganzen Region. Es wäre ungeheuer gefährlich, wenn der Iran militärisch angegriffen werden würde. Es kann durchaus sein, dass Israel versucht die Atomanlagen des Irans zu bombardieren, aber dann hätten wir eine völlig unkontrollierbare Situation und dies nicht nur in der Region, sondern auch in Europa und in Amerika. Gerade weil es so gefährlich ist, den Iran anzugreifen, ist sich Ahmadinedschad seiner Sache auch so sicher.

Du meinst also, dass es im Iran ungefähr eine Million Menschen gibt, die bereit wären ein Selbstmordattentat zu verüben und den Märtyrertod zu sterben?

Nicht eine Million. Es könnten sogar mehr sein, die bereit wären, für den Islam zu sterben. Es gibt Millionen im Iran, die unwissend sind, Hunger haben, arm sind und die am Rande der Gesellschaft leben. Wenn sie angesprochen und mobilisiert werden und eine Aufgabe bekommen und eine Ideologie dazu, eine Ideologie, die sagt, wenn Du für den Islam stirbst, dann kommst Du ins Paradies, dann lassen die sich aktivieren. Mehr als 50 Prozent unserer Gesellschaft ist unter 25 Jahre alt. Der Iran gehört sozusagen zu den jüngsten Staaten der Welt. Der Iran ist ein großes Land, es hat eine große Armee, eine große Wirtschaftsmacht und sehr viele Intellektuelle. Es ist, würde ich sagen, eine Großmacht in der Region.

Wenn du heute ein Buch über Persien schreiben würdest, würdest du dieses Land immer noch ein Entwicklungsland nennen?

Nein. Ich würde heute sagen, der Iran ist ein Land in der Entwicklung. Die iranische Gesellschaft ist ungeheuer interessant, weil es eine sehr plurale Gesellschaft ist. Die meisten Leute in Deutschland wissen das nicht, die sehen nur den Horror, diese Horrorbilder. Aber der Iran ist eine sehr aufgeschlossene, sehr emanzipierte, sehr selbstbewusste Gesellschaft geworden. Bisher hatte sich dieses Volk nie mit sich selbst beschäftigt, entweder wollte man den Westen nachahmen oder man schob alle Schuld dem Westen in die Schuhe, dass wir so rückständig sind. Aber die Fragen, was ist unsere Kultur, diese reiche Kultur, was hat sie an Werten und was ist an dieser Religion dran, werden jetzt diskutiert. Die Religion braucht eine Reform, diese Religion kann nicht so gelebt werden wie vor 1400 Jahren, als sie entstand. All diese Fragen, die sind jetzt aufgetaucht.

Hierin unterscheidet sich der Iran von Saudi-Arabien und ähnlichen Staaten in der Region. Dadurch, dass endlich eine Macht gesagt hat, wir sind ein islamischer Staat, gab es diese Auseinandersetzung und diese Auseinandersetzung ist inzwischen sehr weit gediehen. Die überwältigende Mehrheit will das jetzige Regime nicht. Die überwiegende Mehrheit 80 bis 90 Prozent wollen keinen islamischen Staat, sie wollen einen demokratischen Staat, aber einen, der hervorgegangen ist aus unserer Kultur und Geschichte und der nicht identisch ist mit dem Westen. Die Grundsätze der Demokratie, das heißt die Menschenrechte, die sind entscheidend, und wenn wir aus der Auseinandersetzung mit unserer Kultur zu neuen Erkenntnissen kommen, zu Menschenrechten gelangen, zu Errungenschaften, die vielleicht dieselben sind, die der Westen auf einem anderen Weg schon erreicht hat, dann wäre das doch wunderbar. Ich bin überzeugt, das Volk ist nicht zu bändigen, der Iran ist viel zu weit entwickelt, er lässt sich dieses Fundamentalisten-Regime nicht gefallen. Vielleicht dauert es noch ein paar Jahre, aber dann kann sich dieses Regime nicht mehr durchsetzen.
 

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