Mehr Interesse an elektronischer Ausschreibung
Von Christian Jung
Lange Zeit ließen Industrie und Handel elektronische Ausschreibungsplattformen weitgehend ungenutzt. Doch seit einem Jahr steigt das Interesse deutscher Unternehmen an E-Sourcing-Tools merklich an.
Ausschreibungsplattform bei Freight Traders.
Ausschreibungsplattform bei Freight Traders.
Zu diesem Ergebnis kommt das aktuelle „Stimmungsbarometer Elektronische Beschaffung 2006“, das der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) erstellt hat. 13 Prozent der befragten Unternehmen haben im vergangenen Jahr E-Sourcing-Tools für Ausschreibungen implementiert. 22 Prozent denken über eine Einführung nach. 27 Prozent sind der Meinung, auf den Einsatz solcher Instrumente verzichten zu können. Bei der Erhebung im vergangenen Jahr lehnten noch 52 Prozent der befragten Unternehmen Lösungen zur elektronischen Beschaffung ab. Schwer mit dem Thema tun sich vor allem kleine und mittlere Unternehmen. 42 Prozent haben vor, keine E-Sourcing-Tools für Ausschreibungen einzusetzen. Dagegen wollen nur elf Prozent der Konzerne darauf verzichten.
Fest steht, dass die Aufwendungen für Beschaffung und Distribution zu den Dienstleistungen zählen, die die meisten Kosten verursachen. Ihr Anteil macht nach Angaben des BME bei vielen Industrieunternehmen fünf bis zehn Prozent des Umsatzes, im Handel sogar bis zu 20 Prozent aus. Kein Wunder also, dass auch für den Einkauf von Transportleistungen das Interesse an elektronischen Ausschreibungen wächst. Von dieser Form der Auftragsvergabe profitieren beide Seiten: „Während die Verlader ihre Transportkosten senken, erzielen die Speditionen marktgerechte Preise und lasten ihre Fahrzeuge besser aus“, sagt Dirk Steffes, Marktmanager Nordeuropa von Freight Traders. Das im Jahr 2000 gegründete Tochterunternehmen des amerikanischen Nahrungs- und Konsumgüterkonzerns Mars hat sich auf die elektronische Transportroutenausschreibung spezialisiert und ist seit 2003 auf dem deutschen Markt aktiv.
Das Einsparvolumen für die Verlader beträgt pro Ausschreibung durchschnittlich acht Prozent der bisherigen Transportkosten. Es kann im Einzelfall aber auch deutlich darüber liegen – so wie bei der Beiersdorf AG, Hamburg. Der Markenartikelkonzern erzielte 2004 Einsparungen von mehr als zehn Prozent, im Jahr darauf kamen noch einmal vier Prozent hinzu. An den Web basierten Transportausschreibungen schätzt Michael Rebal, Frachtmanager bei Beiersdorf, außer den Kostenvorteilen vor allem „die größere Markttransparenz“ bei der Auswahl der Transporteure. Auf diese Weise habe der Kosmetikkonzern beispielsweise Fuhrunternehmen aus Polen, Tschechien und der Slowakei als neue Partner gewinnen können.
Vor einer Ausschreibung werden in enger Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber die einzelnen Transportspezifikationen wie etwa Volumen, Ladezeiten oder Gefahrgut-Klassifikationen individuell ausgearbeitet. Erst wenn die Ausschreibung ins Internet gestellt wird, folgt das standardisierte Bieter-Verfahren. Dabei müssen die Transporteure ihre Angebote bis zu einem Fixtermin erstellen. Den Zuschlag erhält – anders als bei elektronischen Auktionen – nicht zwangsläufig der günstigste Bieter. Entscheidend sind vielmehr die Nachverhandlungen mit den infrage kommenden Transporteuren. „Qualität und Service haben für uns höchste Priorität. Daher vergeben wir Transportaufträge nur an Dienstleister, bei denen wir sicher sind, dass sie unsere Anforderungen erfüllen“, erklärt Eddy Scheerlinck, Director of Procurement beim weltweit größten Braukonzern InBev.
„Zurzeit sind bei uns europaweit 3 000 Speditionen und mehr als 240 Kunden registriert“, berichtet Freight Traders-Manager Dirk Steffes. Bis heute hat der Procurement Service Provider Frachten auf mehr als 50 000 Routen in 66 Ländern mit einem Transportvolumen von mehr als drei Milliarden Euro ausgeschrieben. Gestartet mit 140 Millionen Euro im Gründungsjahr 2000, hat das Unternehmen sein Transportvolumen 2005 auf 1,1 Milliarden Euro gesteigert, davon rund 200 Millionen Euro in Deutschland.
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