Wirtschaftswoche vom 11.01.2001

Titelthema: Ausverkauf in der New Economy
von Katja Gutowski, Stefan Hajek, Thomas Kuhn, Steffen Range, Christof Schürmann (editiert)
"Neu frisst alt - Neue Medien kaufen alte Werte" - so jubilierte vor einem Jahr die New Economy. Als Paradebeispiel galt die Fusion von AOL und Time Warmer. Der Trend des neuen Jahrtausends war ausgemacht. Nur ein Jahr später sieht alles ganz anders aus. Heute heißt das Motto: Alt frisst neu - die alte Wirtschaft schluckt junge Unternehmen. Der Ausverkauf der Technologie-Werte hat begonnen.
Nach einer Analyse des britischen Finanzdienstleisters Mergermarket.com wird sich die Zahl der Übernahmen allein im Internetsektor in Deutschland bis zum Jahr 2002 fast verzehnfachen . Und auch nach den Kurstürzen der vergangenen Wochen ist klar, dass es für viele der einstigen Hoffnungsträger nur noch einen Ausweg gibt: Den Ausverkauf an einen starken Partner.
„Das Jahr 2000 war das Jahr der Zocker. Nun deutet vieles darauf hin, dass 2001 das Jahr der Raider wird,“ erklärt Robert Weidinger, Geschäftsführer der deutschen Dependance des Fusions-Spezialisten Freyberg Close Brothers in Frankfurt. Er ist sich sicher: „Die Firmenfahnder sind schon unterwegs, die den Neuen Markt nach unterbewerteten Werten abgrasen und bei der aktuellen Preislage attraktive Titel zusammenkaufen.“
Am Neuen Markt rollt die Pleite- und Übernahmewelle inzwischen unaufhörlich.
Von den 340 Werten der Frankfurter Wachstumsbörse weist ein Drittel noch immer keinen Gewinn aus. Ein von der Gewinnsituation unabhängiges WirtschaftsWoche-Börsenranking zeigt – dass, gemessen am Kurs-Umsatz-Verhältnis – die verlustreichen Biotech-Aktien noch immer zu hoch bewertet sind. Medienwerte hingegen sind zur Zeit für einen Spottpreis zu haben.
EM.TV machte den Anfang
Mit dem Debakel des Filmrechtehändlers EM.TV bahnte sich das Unheil noch vor dem Jahreswechsel an. Nur Medienmogul Leo Kirch kann dem frischgeföhnten Börsenhasardeur Thomas Haffa und seiner angeschlagenen Firma noch aus der Patsche helfen. Doch selbst das ist noch offen. Der Internethändler Letsbuyit.com, schon vor dem Börsengang im Mai letzten Jahres ein Wackelkandidat, trat zwischen Weihnachten und Neujahr den Gang zum Konkursrichter an – und verhandelte in den letzten Wochen verzweifelt mit möglichen Käufern – darunter angeblich dem Axel Springer Verlag.
Seit auch die Kurse von Vorzeigeunternehmen wie Intershop oder Brokat ins Bodenlose fallen, ist das Desaster komplett: Anleger haben das Vertrauen in den Neuen Markt verloren und verkaufen massiv. Von elf auf nicht einmal mehr eine Milliarde Euro Börsenwert ist Intershop abgestürzt – und gilt damit als perfekter Übernahmekandidat „Wir sind noch nicht angesprochen worden“, beteuert zwar Intershop-Chef Stephan Schambach. Holger Grawe, Analyst bei der WestLB hat dennoch potentielle Käufer ausgemacht: Neben dem amerikanischen E-Business-Softwarehaus Broadvision auch die Wettbewerber BEA Systems und Siebel Systems: „Für alle würde der Einstieg bei Intershop die Positionierung im europäischen Markt sehr verbessern und zugleich einen Wettbewerber im US-Geschäft eliminieren.“
Auch die Biotech-Unternehmen könnten bald an der Reihe sein
Quer durch alle Branchen von Software- über Internet- bis zu Medienunternehmen reicht die Palette der übernahmereifen Unternehmen. Einzig die Biotech-Werte sind bislang noch nicht ins Visier der Firmenfahnder gelangt. Der Grund: Die Aktien sind viel zu teuer. Zurzeit dürfte kaum eines der großen Pharmaunternehmen versucht sein, für ein Unternehmen wie Morphosys mit etwa 8,5 Millionen Euro Umsatz den derzeitigen Marktwert von mehr als 600 Millionen Euro plus Aufschlag zu bezahlen. Das könnte sich allerdings schon bald ändern, wenn sich der bereits begonnene Abwärtstrend auch bei den Biotech-Aktien weiter verschärft. So verlor Qiagen innerhalb weniger Tage eine Milliarde Euro Börsenkapital. Für MWG Biotech müssten nach enttäuschenden Zahlen und einem erheblichen Kursrückgang potenzielle Käufer nur noch den dreifachen Umsatz bezahlen.
Vom Tiefstand der Medienaktien sind die Biotech-Werte allerdings noch weit entfernt. Die einstigen Helden aus der Film-, Funk- und Fernsehbranche mussten derart spektakuläre Einbrüche hinnehmen, dass momentan eine ganze Branche zum Verkauf steht. Denn die „Bayern-Connection“, jene Münchner Seilschaft aus Fernsehleuten, Filmhändlern und Kinoproduzenten, trägt nicht mehr. Bis ins vergangene Frühjahr schanzten sich Medienmanager Leo Kirch, EM-TV-Chef Thomas Haffa und Produzent Bernd Eichinger eifrig Aufträge zu. Doch mit der Generalabrechnung am Neuen Markt fand der schwunghafte Dreieckshandel zwischen Ismaning, Unterföhring und Schwabing ein jähes Ende. Selbst Qualitätsaktien wie Eichingers solide Constantin Film AG kamen „unter die Räder“, sagt Medienanalyst Thomas Grillenberger von der Bayerischen Landesbank. „In der Branche grassiert die Angst, dass die Medienwerte komplett abgeschrieben werden.“
Doch es sind nicht die großen Medienkonzerne wie Kirch, die vom Ausverkauf am Neuen Markt profitieren. Nutznießer werden am Ende Großbanken und Versicherungsunternehmen sein. Denn Kirch ist nach Ansicht von Bankanalysten zu knapp bei Kasse, um im großen Stil auf Einkaufstour zu gehen. Zumal nicht einmal die Übernahme von EM.TV unter Dach und Fach ist. Der Münchner Filmhändler wird sich damit begnügen, bestehende Firmenanteile aufzustocken. Davon könnte Constantin Film betroffen sein, an der Kirch 24,2 Prozent hält.
Echte Perlen sind zum Spottpreis zu haben
Jetzt schlägt die Old Economy zurück – vor allem die Dax-Werte sind es, die vom Ausverkauf profitieren. „Die Medienaktien notieren so niedrig, dass sie als Geldanlage für die Großen interessant sind“, urteilt Analyst Grillenberger. „Interessante Targets“ für Übernahmen sieht auch Analyst Alexander Kachler vom Münchner Bankhaus Merck Finck & Co. Zum Spottpreis sind derzeit echte Perlen wie Senator Entertainment zu haben – samt attraktiver Filmpakete, die zu Zeiten des Aktienhypes mehr gekostet haben als die Unternehmen heute wert sind.
Münchener Rück, Allianz oder Deutsche Bank erweitern ihre Portfolios jetzt um diese Medienaktien. So beteiligte sich die Münchener Rück vergangene Woche mit 20 Millionen Euro am Filmhändler Kinowelt – als Langfristinvestition. „Der Einstieg der Münchener Rück ist das Licht am Ende des Tunnels“, sagt Analyst Oliver Fischer von der BfG-Bank. In der Branche werden Großbanken und Versicherer als gute Anteilseigner gehandelt. „Alles was strategisch Sinn macht, dafür sind wir offen“, schließt auch Constantin-Marketingvorstand Thomas Friedl eine solche Konstellation für sein Unternehmen nicht aus.
Von der Kauflust der potenten Investoren profitieren allerdings nur die Nemax-50-Werte, die wichtigsten Medienunternehmen des Neuen Marktes: Titel also wie Senator, Constantin oder Kinowelt. Aktienexperten geben hingegen kleinen Filmrechtehändlern wie Advanced, Splendid und Fame keine Zukunft. An winzigen Archiven mit französischen oder italienischen Uraltfilmen ist niemand mehr interessiert. Zumal den kapitalschwachen Gesellschaften bald die Pleite droht. Denn die Fernsehsender lassen die kleinen Händler derzeit gnadenlos auf ihrer Ware sitzen, um den Preis für Filme und Serien zu drücken.
Auch den Online-Diensten geht die Luft aus
Ein strenger Ausleseprozess findet derzeit auch bei den Internetportalen statt: Am Montag gab der italienische Telekom- und Internetriese Tiscali für rund 450 Millionen Mark den Kauf von Liberty Surf, dem zweitgrößten französischen Webportal bekannt. Doch die Konsolidierungswelle der Onlinedienste steht noch am Anfang. „In Deutschland gibt es einige besonders verlockende Beutestücke“, ist sich Hellen Omwando, Analystin beim Marktforschungsinstitut Forrester Research sicher. Große europäische Marken wie die France Telecom-Tochter Wanadoo oder TerraLycos, aber auch AOL oder T-Online könnten bald am Neuen Markt auf Einkaufstour gehen.
Denn die Luft für die kleineren Diensteanbieter ist inzwischen verdammt dünn. Umsatzbringer Nummer eins ist bisher für viele Portale der Zugang zum Internet, für den etwa T-Online seine Kundschaft zur Kasse bittet. Doch die Gebühren für den Internetzugang bröckeln weltweit. Bislang fast einziger Ausgleich für die Portale: Werbung. Doch die Gelder aus den Werbetöpfen werden gerade fleißig umverteilt – und zwar zu Ungunsten der kleineren Portale wie Freenet und Web.de. Knapp 40 Prozent der Werbegelder gehen in Deutschland bereits heute an nur drei Portale: T-Online, Yahoo und AOL. Web.de ist bei den Werbeeinnahmen schon heute nicht einmal unter den deutschen Top-20-Angeboten, von schwarzen Zahlen ganz zu schweigen. Da wird es schwer, eigenständig zu bleiben. Web.de-Konkurrent Freenet ist leichte Beute für Wanadoo, glaubt die Marktforscherin: „Freenet gehört zu 77 Prozent MobilCom, und MobilCom zu 28,5 Prozent der France Télécom – eine Übernahme von Freenet durch die France-Télécom-Tochter Wanadoo ist da mehr als logisch.“
„Zu wenig kritische Masse“ bringen auch viele Internet-Agenturen auf die Waage, wie Peter Barkow, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt feststellt. In einer umfangreichen Studie hat Barkow Zielkandidaten für die Multimediaspezialisten herausgefiltert. Fluxx, feedback und WWL Internet sind demnach äußerst anfällig für eine Übernahme. Als Käufer hat Barkow die Internet-Dienstleister SinnerSchrader, Concept oder GFT ausgemacht. Doch zur Zeit sind die meisten Multimediafirmen zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich um den Einkauf weiterer Unternehmen zu kümmern. So müssen sich selbst Branchengrößen wie Pixelpark-Gründer Paulus Neef neue Partner suchen. Branchengerüchten zufolge soll Partner Bertelsmann den Spaß an seiner 58-Prozent-Beteiligung verloren haben. Mögliche Käufer: Berater wie Roland Berger oder Accenture.
Auch CSC Ploenzke, die deutsche Tochtergesellschaft des US-Konzerns Computer Science Corporation, soll mit Pixelpark im Gespräch sein. CSC-Deutschland-Chef Christian Stolorz bleibt vage: „Aktuell stehen wir mit drei Unternehmen in Verhandlungen, die in den kommenden sechs Monaten zu einem ersten Ergebnis führen sollen.“ Ob die Verhandlungspartner vom Neuen Markt stammen, darüber schweigt sich der Vorstand des IT-Dienstleisters aus, erteilt aber niedrigen Aktienkursen als entscheidendem Akquisekriterium eine klare Absage: „Auch in einer vermeintlich günstigen Situation macht Kaufen auf ‚Teufel-komm-raus‘ keinen Sinn, denn das Unternehmen muss vor allem in Geschäftskonzept, Struktur und Produkt zu uns passen – sonst ist die Übernahme nicht zu verdauen.“ Doch auch wenn es um die Verkaufsgerüchte rund um den Hamburger IT-Dienstleister Systematics geht, wird neben Branchenriese EDS auch CSC Ploenzke als möglicher Interessent gehandelt.
Kleinen Software- und Systemhäusern laufen die Kunden weg
Gerade Software- und Systemhäuser wie Systematics stehen nach Ansicht von Elise Horowitz, Analystin bei der Investmentbank Leman Brothers unter starkem Druck, „weil sich die potenziellen Kunden fragen, ob ihr Geschäftspartner in ein paar Monaten überhaupt noch existiert.“ Und weil die Kunden ihre Aufträge in dieser Situation im Zweifel eher an einen der Branchenriesen vergeben, geht manchem kleinen Softwarehaus derzeit nicht nur das Geld aus, sondern gleich noch die Kundschaft.
Vorausgesetzt, das Geld reicht überhaupt, was Fusions-Fachmann Weidinger bezweifelt, der bis 1998 bei der Unternehmensberaterung von PriceWaterhouseCoopers den Börsengang mehrere Börsengänge begleitete. „Vielen Unternehmen, die das Geld ihres Börsengangs jetzt verbraucht haben, haben nun das Messer auf der Brust, weil ihnen das Geld ausgeht.“ Denn die ursprünglich zur weiteren Finanzierung des Wachstums geplante Kapitalerhöhung sei angesichts der aktuellen Börsensituation einfach nicht drin. „Das kann in ein paar Monaten wieder ganz anders sein – aber heute ist der Weg verstopft. Und da hilft auch der Gang zu den Banken nicht mehr.“ Die hätten – wenn überhaupt – selbst in den besten Börsenzeiten allenfalls mit 90 Prozent Kursabschlag beliehen.
Eng werden könnte es beispielsweise für das im Juni 1999 an den Neuen Markt gestartete Softwarehaus Softmatic aus Norderstedt. Wegen schrumpfender Softwareumsätze musste das Unternehmen 2000 seinen Planzahlen nach unten revidieren und die Hoffnungen auf eine schwarze Null noch im vergangenen Jahr begraben. Und nicht nur das: Im Disput mit seinen Vorstandskollegen Olaf Malchow und Karl-Heinz Claes um eine Strategie für den Ausweg aus der wirtschaftlichen Schieflage kam dem Unternehmen auch noch Mitte Dezember Vorstandsmitglied Johannes Godehardt abhanden.
Dass Softmatic Anfang Januar seinen für die IT-Qualifikation zuständigen Geschäftsbereich Education an die Münchner Tria verkaufte, dürfte nach Einschätzung von Marktbeobachtern denn auch nicht nur an der mittlerweile eingeleiteten Neuausrichtung der Softmatic liegen. „Natürlich wird um eine solche Übernahme eine strategische Story gestrickt, aber es hätten sicher ernsthafte Konsequenzen gedroht, wenn der Verkauf nicht zustande gekommen wäre“, urteilt ein Investmentbanker. Im Klartext: Ein geplatzter Deal hätte für Softmatic das Aus bedeutet. Die flüssigen Mittel schrumpften binnen Jahresfrist von 64,5 auf nicht einmal mehr vier Millionen Mark im dritten Quartal 2000.
Offerten werden kritisch unter die Lupe genommen Angesichts solcher Zahlen ist es kein Wunder, dass zurzeit jede Menge Sonderangebote auf dem Markt sind. Doch mögliche Retter nehmen diese Offerten besonders kritisch unter die Lupe. SAP-Chef Hasso Plattner beispielsweise sieht – trotz jüngster Erfolgszahlen – keinen Anlass zum Discount-Shopping am Neuen Markt. Nicht einmal, um preiswert Fachleute übernehmen zu können, statt diese teuer abwerben zu müssen: „Es hat ja keinen Sinn, ein Unternehmen zu kaufen, wenn dann die wichtigsten Leute das Geld nehmen und gerade ein Haus weiter ziehen und die nächste Start-up-Gesellschaft gründen. Auf die Key-Player in einem Unternehmen kommt es an, und das sind ja nur eine Hand voll.“
Dennoch halten es Analysten keineswegs für ausgeschlossen, dass der deutsche Softwareriese zugreifen könnte, wenn beispielsweise der seit dem vergangenen Frühjahr trudelnde SAP-Dienstleiser Ixos zur Übernahme anstünde. Preislich jedenfalls wird das Unternehmen aus Grassbrunn bei München allmählich attraktiv: Seit dem Jahreshoch im vergangenen März ist die Aktie um fast 95 Prozent auf zuletzt nur noch gut 5,50 Euro abgestürzt.
Für alle Branchengrößen, die preiswert Technologie-Knowhow suchen, sind jedenfalls noch jede Menge geeignete Kandidaten auf dem Markt. So wäre beispielsweise der High-Tech-Druckzulieferer Advanced Vision Technology (AVT) bei einem Umsatz 2000 von rund 13 Millionen Euro für etwa 30 Millionen Euro im Angebot. Genugtuung für die Old Economy: Die Summe würde möglichen Interessenten wie etwa Heidelberger Druckmaschinen nur ein müdes Lächeln abringen.

Quelle: http://wiwo.de/WirtschaftsWoche/Wiwo_CDA/0,1702,10679_54346,00.html und /0,1702,10679_54428,00.html sowie /0,1702,11828_54454,00.html |